Geld und Geist

Geld und Geist – Jeremias Gotthelf

Der anrührende Roman erzählt die Geschichte einer tief religiösen und von Harmonie erfüllten Schweizer Familie. Als dem Vater eine große Summe Geld abhanden kommt wendet sich das Blatt und aus der Familienidylle wird schnell Haß und Verbitterung. Wer wird am Ende siegen – Geist oder Geld?

Geld und Geist

Geld und Geist.

 

Format: Taschenbuch/eBook

Geld und Geist.

 

ISBN eBook: 9783849655532.

ISBN Taschenbuch: 9783849669492

 

 

Auszug aus dem Text:

Das wahre Glück des Menschen ist eine zarte Blume, tausenderlei Ungeziefer umschwirret sie, ein unreiner Hauch tötet sie. Zum Gärtner ist ihr der Mensch gesetzt, sein Lohn ist Seligkeit, aber wie Wenige verstehen ihre Kunst, wie Viele setzen mit eigener Hand in der Blume innersten Kranz der Blume giftigsten Feind; wie Viele sehen sorglos zu, wie das Ungeziefer sich ansetzt, haben ihre Lust daran, wie dasselbe nagt und frißt, die Blume erblaßt! Wohl dem, welchem zu rechter Zeit das Auge aufgeht, welcher mit rascher Hand die Blume wahret, den Feind tötet; er wahret seines Herzens Frieden, er gewinnt seiner Seele Heil, und beide hängen zusammen wie Leib und Seele, wie Diesseits und Jenseits.

Im Bernbiet liegt mancher schöne Hof, mancher reiche Bauernort, und auf den Höfen wohnt manch würdiges Ehepaar, in ächter Gottesfurcht und tüchtiger Kinderzucht weithin berühmt, und ein Reichtum liegt da aufgespeichert in Spycher und Kammer, in Kasten und in Kisten, von welchem die luftige neumodische Welt, welche alles zu Geld macht, weil sie viel Geld braucht, keinen Begriff hat. Bei allem diesem Vorrat liegt eine Summe Geld im Hause für eigene und fremde Notfälle, die in manchem Herrenhause jahraus, jahrein nicht zu finden wäre. Diese Summe hat sehr oft keine bleibende Stätte. Wie eine Art von Hausgeist, aber keine böse, wandert es im Hause herum, ist bald hier, bald dort, bald allenthalben: bald im Keller, bald im Spycher, bald im Stübchen, bald im Schnitztrog und manchmal an allen vier Orten zu gleicher Zeit und noch an ein halb Dutzend andern. Wenn ein Stück Land feil wird, das zum Hofe sich schickt, so wird es gekauft und bar bezahlt. Vater und Großvater sind auch nie einem Menschen etwas schuldig geblieben, und was sie kauften, zahlten sie bar und zwar mit eigenem Gelde. Und wenn Verwandschaft oder in der Freundschaft und in der Gemeinde ein braver Mann in Geldverlegenheit war oder einen Schick zu machen wußte, so wanderte dieses Geld hierhin und dorthin, und zwar nicht als eine Anwendung, sondern als augenblickliche Aushülfe, auf unbestimmte Zeit, und zwar ohne Schrift und Zins, auf Treu und Glauben hin und auf die himmlische Rechnung, und zwar eben deswegen so, weil sie noch an ein jenseits glaubten, wie recht ist.

In die Kirche und auf den Markt geht in ehrbarem Halblein der Mann, und die Erste des Morgens und die Letzte des Abends schaltet die Frau im Hause, und keine Speise kömmt auf den Tisch, welche sie nicht selbst gekocht, und keine Melchter in den Schweinstrog, in die sie nicht mit blankem Arme gefahren wäre bis auf den Grund.

Wer solche adeliche Ehrbarkeit sehen möchte, der gehe nach Liebiwyl ( wir meinen nicht das in der Gemeinde Köniz, wissen auch nicht, ob sie dort gefunden würde). Dort steht ein schöner Bauerhof hell an der Sonne, weithin glitzern die Fenster, und alle Jahre wird mit der Feuerspritze das Haus gewaschen. Wie neu sieht es daher aus und ist doch schon vierzig Jahre alt, und wie gut das Waschen selbst den Häusern tut, davon ist es ein täglich Exempel.

Eine bequeme Laube, schön ausgeschnitzt, sieht unterm Dach hervor; rings ums Haus läuft eine Terasse, ums Stallwerk aus kleinen, eng gefügten Steinen, ums Stubenwerk aus mächtig großen Platten. Schöne Birn- und andere Bäume stehen ums Haus, üppig grünt es ringsum; ein Hügel schirmt gegen den Bysluft, aber aus den Fenstern sieht man die Berge, die so kühn und ehrenfest Trotz bieten dem Wandel der Zeiten, dem Wandel der Menschen.

Wenn Abend ist, so sieht der Besucher neben der Türe auf einer Bank einen Mann sitzen, der ein Pfeifchen raucht und dem man es ansieht, daß er tief in den sechziger Jahren steht. Unter der Türe sieht er zuweilen eine lange Gestalt mit freundlichem Gesichte und reinlichem Wesen, welche dem Mann etwas zu sagen oder etwas zu fragen hat, das ist des Mannes Frau. Hinten im Schopf tränkt ein hübscher Junge, schlank und keck, die schönen Braunen, während ein älterer Bruder Stroh in den Stall trägt, und aus dem Garten hebt sich aus Kraut und Blumen herauf zuweilen ein lustiges Meitschigsicht und frägt die Mutter, ob es etwa kommen solle und helfen, oder schimpft über Wären im Kabis, über Katzen im Salat, über Mehltau an den Rosen und frägt den Vater, was gut sei dagegen. Diensten und Tauner kommen allgemach vom Feld heim, ein Huhn nach dem andern geht zSädel, während der Tauber seinem Täubchen noch gar emsig den Hof macht.

Ein solches Bild hätte man fast alle Abende vor Augen gehabt, wenn einer vor fünf oder sechs Jahren vor jenem Hause zu Liebiwyl stillegestanden wäre, und wenn er dann die Nachbaren oder eine alte Frau, welche etwas unterm Fürtuch gehabt, gefragt hätte, was das für Leute wären, so hätte er in Kürze ungefähr Folgendes vernommen.

Das seien bsunderbar gute und grausam reiche Leute. Als sie vor ungefähr dreißig Jahren Hochzeit gehabt hätten, da seien sie das schönste Paar gewesen, welches seit langem in einer Kirche gestanden. Mehr als hundert Wägelein hätten sie zum Hochzeit begleitet, und noch Viele seien auf den Rossen gekommen, was dazumal viel mehr der Brauch gewesen als jetzt, ja sogar das Weibervolk hätte man zuweilen auf Rossen gesehen und bsonderbar an Hochzeiten. Das Hochzeit habe drei Tage gedauert, und an Essen und Trinken sei nichts gespart worden, man hätte landauf, landab davon geredet. Aber dann hätte es auch Hochzeitgeschenke gegeben, daß es ihnen selbst darob übel gegruset hätte. Zwei Tage lang hätten sie mit Abnehmen nicht fertig werden können und noch Leute zur Hülfe anstellen müssen; aber ein berühmterer Bauernort sei auch noch nie gewesen das Land auf, das Land ab.

Einen solchen Hof, von den schönsten einen und ganz bezahlt und manchtausend Pfund Gülten dazu, das finde man nicht allenthalben. Sie hätten es aber nicht für sich alleine, die wüßten noch, daß die Reichen Verwalter Gottes seien und von dem erhaltenen Pfund Rechnung stellen mußten. Wenn jemand sie zu Gevatter bitte, so sei es nie Nein, und die meinten nicht, seit das Holz so teuer sei, hätten arme Leute keines mehr nötig. Die Diensten hätten ihre Sache wie nicht bald an einem andern Ort; da meinte man noch nicht, es müsse alles an einem Tage gearbeitet sein und dazu sei es schade um ein jegliches Tröpflein gute Milch, welches ihnen vor die Augen komme.

Kurzum das seien rechte Leute, und einen Frieden hätten sie unter sich, wie man sonst selten antreffe; da sei das Jahr aus, das Jahr ein lauter Liebe und Güte, es hätte noch niemand gehört, daß eins dem Andern ein böses Wort gegeben. Wenn es unter der Sonne Leute gebe, welche es hätten, wie sie wollten, und nichts zu wünschen, so seien es die; öppe glücklichere Leute werde man nicht antreffen.

So urteilten die Leute und hatten dem Anschein nach vollkommen recht, und doch war auch hier wahr, daß jedermann seine Bürde schwer finde und daß den meisten Lebensbürden die Eigenschaft anwohne, daß sie immer schwerer werden, je länger man als Bürde und ununterbrochen sie trage, daß ihre Last zu einer Unerträglichkeit sich zu steigern vermöge, in welcher jedes andere Gefühl, jedes Glück und jede Freude untergeht. Allerdings hatten sie sehr lange, was man so sagt, recht glücklich mit einander gelebt; doch war es auch wahr geblieben, daß an allen Orten etwas sei, aber dieses Etwas blieb nur vorübergehend, ward nicht zur andauernden Empfindung und kam nie vor die Leute.

Es ist kurios, wie das, was die Menschen im Allgemeinen so oft gegen einander aufregt, so gerne trennend ebenfalls zwischen Eheleute kömmt; ich meine das zeitliche Gut. Nur wo ein Instrument rein gestimmt ist, klingt es bei kundiger Berührung rein wider, wo aber das Instrument unrein geworden, antwortet es mißtönend auch der kundigsten Hand, auch bei der leisesten Berührung. Es scheint, das Verhältnis zweier Eheleute, wo Beide ein Interesse haben, Beiden das Gut gemeinsam gehört, Beide jeglichen Schaden gemeinsam fühlen, sollte dem Zwiespalt vorbeugen, aber eben das ist, was ich meine: Friede und Zwiespalt liegen nicht in den Verhältnissen, sondern in den Herzen. Man wird mir etwas zugeben, man wird sagen: ja, wo alles Vermögen vom Manne kommt, wo er alleine alles verdient und das Weib nichts mitgebracht hat, da geschieht so etwas gerne, oder wo vom Weib alles kömmt und von dessen Sache der Mann lebt, ebenfalls; da wird das rechte Maß selten gefunden, und das Eine meint, es möge alles erleiden, und das Andere, man sollte es bei jedem Kreuzer zeigen, wem es gehöre und wem man es verdanke. Oder, wird man sagen, wo ein Mann haushälterisch ist und das Weib vertunlich, wo der Mann alles zu Ehren ziehen möchte und das Weib von nichts den Wert kennt und alles an die Kleider hängen möchte, oder wo der Mann gutmeinend ist, das Weib aber den Geizteufel im Leibe hat, wo der Mann will, was Recht und Brauch ist, das Weib aber Kaffeebohnen zählt und niemand was gönnt, da muß es Streit geben, da kann es nicht anders sein.

Allerdings, so ists. Aber es gibt nicht bloß Streit, sondern noch Schlimmeres als Streit, andauernden Zwiespalt, und zwar nicht bloß wegen Lastern, sondern noch weit mehr wegen Eigentümlichkeiten, und zwar auch da, wo man in der Hauptsache durchaus einig ist.

Unsere Eheleute waren Beide von Haus aus reich, Keines hatte dem Andern etwas vorzuhalten. Er hatte den Hof geerbt mit wenig Schulden, sie ungefähr vierzig, oder fünfzigtausend Pfund eingebracht. Beide waren haushälterisch, gaben wenig Geld für Unnützes aus, zogen alles bestmöglichst zu Ehren, gingen wenig von Haus, waren dabei guten Herzens, dienstbar, hülfreich und wohltätig. Nach altländlicher Sitte hatten sie auch das Geld gemein, die Frau ging über das Schublädli so gut wie der Mann, und vom Auf, schreiben der täglichen Ausgaben und Einnahmen war keine Rede. Zu diesem Schublädli hatten sie nur einen Schlüssel, und wenn eins denselben von dem Andern forderte, so fragte nie eins das Andere, für was es Geld nehmen wolle.

Christen, der Mann, hatte eine behagliche Natur; wenn er an der Arbeit war, so tat es ihm selten einer zuvor an Fleiß und Geschick, aber Mühe kostete es ihn, an die Arbeit zu gehen.

Er schob nicht ungern von einem Tag zum andern auf, und was sich ihm heute nicht schicken wollte, schickte sich ihm selten schon morgen. Es mochte Wetter sein, wie es wollte, so fing er nie eine der großen Sommerarbeiten im Lauf einer Woche an. Wenn alles um ihn her zappelte, so sagte er ganz kaltblütig, wenn das Wetter gut bleibe, so wolle er am nächsten Montag auch anfangen, aber so in der Mitte der Woche möge er nicht; der Vater hätte es auch nie getan, und das sei ein Mann gewesen, es wäre gut, es würde noch viele solche geben. Wenn es aber am nächsten Montag nicht schön Wetter war, so wartete er ruhig noch eine Woche ab. Er hätte noch nie gesehen, daß man im schlechten Wetter gutes Heu mache, und wenn es genug geregnet hätte, so werde es auch wieder gut Wetter werden. So kam es dann allerdings, daß er gewöhnlich zuletzt fertig ward mit einer Arbeit und zu vielem keine Zeit fand. Er meinte aber, wenn man schon seine Leute nicht eis Tags töte, so zürnten sie einem deswegen nicht, und wenn das Vieh auch nicht sei was Menschen, so solle man doch auch Verstand gegen dasselbe haben, wofür hätte man ihn sonst. Es sei Mancher, er gönne keine Ruhe weder Menschen noch Vieh, aber er sehe nicht, daß die gar weit kämen; was sie erzappelten, könnten sie dem Doktor geben oder dem Schinder. Die Tiere, welche er hatte, waren ihm alle lieb, und wenn er eins fortgeben sollte, so wars, als wollte man einen Plätz von seinem Herzen damit. Er löste daher aus seinem Stall nicht viel, und mit den höchsten Preisen machte man ihm nichts feil, wenn es ihm eben ins Herz gewachsen war.

Daneben, wenn er jemand etwas fahren, mit einem Pferd einen Dienst leisten sollte, so sagte er niemand ab, war dienstfertig in alle Wege, nur Geld schenkte er nicht gerne. Es hielt ihn überhaupt hart, es auszugeben. Man wüßte nicht, wie hart es ginge, bis man es hätte, sagte er, und wenn man es einmal fort hätte, so hätte es eine Nase, bis man wieder dazu käme.

Anders war darin Änneli, seine Frau. Die war ein rasches Mädchen gewesen und hatte sich dreimal umgedreht, während eine Andere einmal. Kuraschiert ging sie an alles hin, und an den Fingern blieb ihr nichts kleben. Sie war in ihrer Jugend viel gerühmt worden von wegen ihrer Gleitigkeit; so ging es ihr bis ins Alter nach, daß sie gerne voran war in allem. Es gehe in einem zu, sagte sie, und wie viel Zeit man gewinne das Jahr hindurch, wenn man alles rasch angriffe, wüßte man nicht, man könnte es mit fast ds Halb weniger Leuten machen. Z’gyzen begehre sie nicht, Gott solle sie davor behüten; aber wenn man Kinder hätte, so müsse man immer daran denken, daß sich einst das Gut verteile, und wenn man es mit dem ganzen Gut bösdings machen könnte, wie sollten es dann die Kinder machen mit dem halben oder einem Viertel? Dann kämen ihr auch immer die vielen armen Leute in den Sinn, denen man helfen sollte, für die hatte man nie zu viel. Und allerdings war Änneli bsunderbar gut und konnte niemandem etwas absagen; die Kleider gab sie fast vom Leibe, äsiges Zeug, was man wollte, ja selbst Geld schlüpfte ihr durch die Finger, wenn sie gerade im Sack hatte. Zu allen Tageszeiten sah man arme Leute, besonders Weiber mit Säcklein, kommen und gehen. Böse Leute redeten ihr nach, einesteils sei sie gerne eine berühmte Frau und besser als andere Weiber, andernteils höre sie gerne, was in andern Häusern sich zutrage, und das arme Weib kriege am meisten, welches am meisten Böses von den Nachbarsweibern zu berichten wüßte. So redeten die andern Weiber. Es war aber vielleicht nur Neid, weil sie nicht so gerne und aus gutem Herzen gaben wie Änneli, daß sie ihr so etwas andichteten.

So waren also Christen und Änneli in der Hauptsache einig und gleich gesinnt. Beide wollten ihr Gut verwalten, daß sie es einst vor Gott verantworten könnten, wollten gut sein und doch an die Kinder denken, aber jedes hatte dabei seine eigentümliche Weise; Christen wollte zusammenhalten, was er einmal hatte, Änneli wollte sich um so rascher rühren und aus allem den rechten Nutzen ziehen, damit sie dem Dürftigen um so treuer helfen könnte in seiner Not.

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