
Clementine
Realistisch, leidenschaftlich, und voller Gerechtigkeitssinn
„Also weil der Herr Geheimrat mich gestern geistreich gefunden, soll und muss ich ihn heiraten?“
Mit diesem einen Satz – trocken, leicht spöttisch, von unerschütterlicher innerer Klarheit – stellt Fanny Lewald ihre Heldin vor. Clementine ist siebenundzwanzig, unverheiratet, und damit in den Augen ihrer Familie und Gesellschaft ein Problem, das dringend gelöst werden muss. Der Geheimrat von Meining ist reich, geachtet, fünfzig Jahre alt – und erwartet die Antwort. Was er nicht erwartet: dass diese Frau eine eigene hat.
„Clementine“, 1843 anonym bei Brockhaus in Leipzig erschienen, ist Fanny Lewalds erster Roman – und bereits ein vollendetes Werk. Lewald, 1811 in Königsberg in eine jüdische Kaufmannsfamilie geboren und selbst nur knapp einer arrangierten Ehe entgangen, schrieb ihn nach eigenen Worten wie „das Niederlegen eines Glaubensbekenntnisses“: die Überzeugung, dass die Ehe so hoch ist, dass man sie durch eine Vernunftverbindung nur erniedrigen kann. Clementine hält die Ehe nicht für veraltet – sie hält sie für zu wertvoll, um sie ohne Gefühl einzugehen. Das ist im Deutschland des Vormärz ein revolutionärer Gedanke.
Zugleich verwebt Lewald in ihren Roman die Frage der jüdischen Emanzipation – ein Thema, das für sie als Angehörige einer jüdischen Familie, die zum Protestantismus konvertiert war, keine abstrakte Forderung war, sondern gelebte Wirklichkeit. Die „deutsche George Sand“, wie man sie nannte, entfaltete hier zum ersten Mal ihr gesamtes literarisches Programm: realistisch, leidenschaftlich, von einem Gerechtigkeitssinn, der keine Kompromisse macht.