Essentielle Schriften, Band 1

Essentielle Schriften, Band 1 – Fritz Binde

Der 1921 in der Nähe von Basel verstorbene Fritz Binde war Prediger der Gemeinschaftsbewegung und freier Evangelist. In diesem ersten von zwei Bänden finden sich einige seiner wichtigsten Schriften.

Essentielle Schriften, Band 1

Essentielle Schriften, Band 1.

Format: Paperback, eBook

Essentielle Schriften, Band 1.

ISBN: 9783849665807 (Paperback)
ISBN: 9783849662318  (eBook)

 

Auszug aus dem Text:

 

Ein aufrichtiger Zweifler.

 

„Des andern Tages wollte Jesus wieder nach Galiläa ziehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! Philippus aber war von Bethsaida, aus der Stadt des Andreas und Petrus. Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesum, Josephs Sohn von Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann von Nazareth Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh es! Jesus sah Nathanael zu sich kommen und spricht zu ihm: Siehe, ein echter Israelit, in welchem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennest du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich. Nathanael antwortete und spricht zu ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel! Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubest, weil ich dir gesagt habe, daß ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum; du wirst noch Größeres denn das sehen. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen.“

Joh. 1,43-51

Diese altbekannte Geschichte enthält die Bekehrung eines aufrichtigen Zweiflers. Zweifel sind ja das Nächstliegendste und Allerselbstverständlichste, was der Mensch gegen das Evangelium aufbringen kann. Sie sind der natürliche Einspruch des Menschenwesens und der Menschenweisheit gegen Gottes Wesen und Gottes Weisheit. Das Evangelium bringt uns die heimliche Weisheit der Gedanken Gottes, die so viel höher sind als der Menschen Gedanken, als der Himmel höher ist als die Erde, und der Mensch setzt beim Hören des Evangeliums seine eigene irdisch-menschliche Weisheit der Weisheit Gottes entgegen; das ist einfach Menschenart.

Aber es gibt zweierlei Zweifler, aufrichtige und unaufrichtige. Der aufrichtige Zweifler bekennt mit seinem Zweifel seine angeborene Unfähigkeit, die Weisheit Gottes zu verstehen und läßt sich gerne belehren. Der unaufrichtige Zweifler verbirgt hinter seinen Zweifeln den angeborenen Unwillen gegen Gottes Weisheit, die er trotzig ablehnt.

Sehen wir uns zunächst den aufrichtigen Zweifler an. Es ist der aufrichtige Mensch überhaupt. Es ist der Mensch „ohne Falsch“. Er gehört zu der Menschenart, von der die Heilige Schrift sagt: Den Aufrichtigen läßt es Gott gelingen (Sprüche 2,7). Er ist auch ganz und gar unzulänglicher Mensch, fehlend, irrend, sündig. Aber er hat den Willen zur Wahrheit, das heißt, er will die Wahrheit um jeden Preis; alles ist ihm um ihretwillen feil, zu allem ist er um ihretwillen bereit. Nur Wahrheit, Wahrheit, Wahrheit! –: das ist der gerade Zug, der durch ihn lebensbestimmend hindurchgeht und ihn zur Wahrheit hinleitet. Es ist der Mensch ohne geheimen Rückhalt und ohne verborgene Nebenabsichten. Sein Denken und Tun ist durchsichtig, ehrlich, offen und klar. Frei von jedem Zwang und Betrug der Unwahrheit zu werden, ist sein einziges Wünschen und Hoffen. Er kennt sein Irren, bedauert seine Unzulänglichkeit, leidet an sich selbst. Eben deswegen ist er hilfsbedürftig, suchend, wahrheitsempfänglich. Diesen Menschen hat Jesus Christus gemeint, als er vor dem unaufrichtigen Pilatus zeugte: „Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme“ (Joh. 18,37).

Lieber Hörer, meinst du wohl, daß du zu diesen aufrichtigen Menschen gehörest?

Denn höre! –: Viele halten sich für aufrichtig und sind es ganz und gar nicht! Unzählige meinen schon deswegen aufrichtige Menschen zu sein, weil sie Zweifler an der Heiligen Schrift sind. Sie meinen, jeder aufrichtige Mensch müsse ein für alle Mal den Inhalt der Bibel bezweifeln; eben dieser stete Zweifel sei ein Kennzeichen unentwegter Aufrichtigkeit. Wie können sie von mir verlangen, daß ich glauben soll, was in der Bibel steht! Das kann doch kein ehrlicher Mensch glauben! So reden sie entrüstet. Sie haben insofern recht, als – wie bereits gesagt – Zweifel das Natürlichste sind, was der Mensch gegen Gottes Wort aufbringen kann. Aber dadurch, daß ein Mensch auf seine Menschennatur pocht, ist er noch keineswegs aufrichtig. Aufrichtigkeit ist – wie wir bereits gesehen haben – doch viel, viel mehr. Aufrichtig sein, heißt also nicht, ein Zweifler sein und bleiben müssen.

Wieder andere meinen deswegen aufrichtige Menschen zu sein, weil sie ihre Zweifel am Worte Gottes offen aussprechen. Sehen Sie, sagen sie, ich könnte Ihnen ja etwas vormachen; aber ich gehöre nun einmal zu denen, die ihre Zweifel ehrlich aussprechen. Ich kann nicht heucheln! – Schön, wenn jemand die Lüge scheut! Aber dadurch, daß man geradewegs ausspricht, was man denkt, ist man noch nicht ohne weiteres aufrichtig. Bei vielen ist das nur selbstbewußte Frechheit, bei anderen Mangel an rücksichtsvoller Zartheit oder plumpe Geschwätzigkeit. Wirkliche Aufrichtigkeit sitzt viel tiefer und ist viel, viel mehr. Aufrichtig ist also noch lange nicht, wer mit seinen Zweifeln hausieren geht!

Noch andere halten sich deswegen für aufrichtig, weil sie, wie sie meinen, gute Gründe für ihre Zweifel haben. Sie stützen sich auf ihr vernünftiges Denken und rechnen sich das als Tugend an. Haben sie gar gelehrte, sogenannte wissenschaftliche Gründe für ihre Zweifel, so glauben sie bereits gründliche Wahrheitssucher zu sein und ihre Aufrichtigkeit aufs deutlichste erwiesen zu haben. Aber dadurch, daß man Gründe für seine zweifelnden Überlegungen aufzubringen vermag, ist man noch nicht aufrichtig. Hinter solchen Gründen können sich Berge von Unaufrichtigkeit verstecken, und wieviel unwilliges, aufgeblasenes, törichtes, sündiges Menschenwesen sucht seine unaufrichtigen, gottfeindlichen Zweifel an Gottes Wort heute mit der sogenannten Wissenschaft zu entschuldigen! – Nein, aufrichtig sein, ist doch noch viel, viel mehr, als Gründe für seine Zweifel besitzen!

Welches sind denn nun die Kennzeichen eines aufrichtigen Zweiflers?

Ich sehe besonders drei, die mir überall immer wieder entgegentreten. Als erstes gutes Kennzeichen nenne ich: Der aufrichtige Zweifler zweifelt nicht, um zu zweifeln. Es geht ihm nicht um seine Zweifel, sondern um die Wahrheit. Er empfindet seine Zweifel als etwas Minderwertiges, eigentlich Ungehöriges, Störendes, das er um keinen Preis dauernd behalten und mitschleppen möchte. Seine Zweifel sind ihm nie wertvoller Besitz, dessen er sich freut und rühmt. Nimmermehr scheinen sie ihm Ziel seines Denkens und Suchens, sondern immer nur bedauerliches Hindernis auf dem Wege, über das er hinweg und hinauszukommen sucht um jeden Preis. Der aufrichtige Zweifler ist folglich betrübt über das Vorhandensein seiner Zweifel. Sie sind ihm eine wirkliche Qual, ein Beweis für seine Unzulänglichkeit, an der er leidet. Er sucht und forscht nicht in der Bibel und anderen Büchern, um seine Zweifel zu vermehren, sondern um sie zu verringern und am liebsten ganz zu verlieren. Jeder neu auftauchende Zweifel wird ihm zur Plage, mit der er ringt, bis er sie überwunden hat. Nie beruhigt er sich mit dem Vorhandensein seiner Zweifel, nie findet er sich unter Verzichtleistung auf die Wahrheit mit seinen Zweifeln ab; nie paktiert er mit ihnen, daß er ihnen Hausrecht und Nahrung gönnen möchte. Seine Zweifel sind und bleiben ihm unangenehme Fremdlinge und schädliche Störenfriede, denen gegenüber er sich ehrlich trösten kann: Ich habe sie nicht gesucht, sie sind einfach gekommen, und ich vermag sie vorläufig noch nicht recht los zu werden; aber was wünsche ich mehr, als daß ich sie aufs Gründlichste los würde! – Nein, nein, der aufrichtige Zweifler zweifelt nicht, um zu zweifeln! Es geht ihm nicht um seine Zweifel, sondern um die zu findende Wahrheit!

Nun, bitte, teurer Hörer, prüfe dich, wie du zu deinen Zweifeln stehst! Glückselig, wenn du nichts Sehnlicheres wünschest, als deine lästigen Zweifel los zu werden! Denn das zweite Kennzeichen eines aufrichtigen Zweiflers ist: Der aufrichtige Zweifler bleibt nicht bei seinen Zweifeln stehen, sondern läßt sich von ihnen hinwegleiten. Sehen wir uns daraufhin den Nathanael an, den Israelit ohne Falsch, dessen Bekehrungsgeschichte ich eingangs verlesen habe. Er ist tatsächlich das Muster eines aufrichtigen Zweiflers. Philippus war von Jesus gefunden und auf die einfache Offenbarung hin: Folge mir nach! dessen Jünger geworden. Ohne irgendwelche besonderen Zweifelsfragen und Zweifelskämpfe scheint Philippus Jesus als den verheißenen Messias erkannt zu haben und ihm untertänig geworden zu sein. Die unmittelbare, persönliche Begegnung mit Jesus, das Schauen der Herrlichkeit des Gottessohnes, die unmittelbare, persönliche Anrede und Aufforderung: Folge mir nach! hatten jede Zweifelsbildung im Keime erstickt. Glückselig, wer in so freudenreiner Weise sein Jesuserlebnis geschenkt bekommt, wie Philippus es bekam! Nicht alle können es so bekommen. Aber erlebte nicht Nathanael, der auf dem Wege vom Mittelbaren zum Unmittelbaren, über Zweifel und Beschämung hinweg zur Erfüllung geführt wurde, noch Wirkungsvolleres, Zeugnisgrößeres, Wunderinnigeres? Beide jüdische Männer scheinen fleißige Schriftforscher gewesen zu sein; denn beide benutzen Schriftgründe für das Erkennen und Finden des von ihnen erwarteten Messias. So spricht, bereits in der seligen Jesusnachfolge wandelnd, Philippus zu dem gefundenen Nathanael: „Wir haben den gefunden, von welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josephs Sohn von Nazareth.“ Diese sicher froh vorgetragene Kunde stimmte und stimmte doch nicht. Sicher war der Gesalbte Gottes gefunden, von dem Moses und die Propheten geschrieben, sicher war er in Nazareth groß geworden und galt als Josephs Sohn; aber von Nazareth und Josephs Sohn hatten Moses und die Propheten nicht geschrieben. Und kühl antwortet der aufrichtige Zweifler Nathanael: „Was kann von Nazareth Gutes kommen?“ Mag sein, daß Nathanael damit sagen wollte: „Was kann aus solch einem verborgenen, kleinen Nest kommen?“ Sicherer aber ist, daß er kühl in Schriftnüchternheit meinte: „Nazareth besitzt keine Verheißung, uns den Messias zu bringen!“ Dieser Einwand war völlig berechtigt, dieser Zweifel biblisch begründet. Nazareth wird im Alten Testament nicht einmal dem Namen nach erwähnt, wie viel weniger als Geburts- oder Heimatsort des Messias genannt. Nathanael hatte also vollen biblischen Grund, einen Jesus, Sohn Josephs von Nazareth, als angeblich gefundenen Messias abzulehnen. Er wußte es nicht besser, wie ja auch Philippus es nicht besser wußte. Freimütig und doch irrig hatte Philippus von Jesus gezeugt, und freimütig und doch irrend hatte Nathanael die Kunde von Jesus bezweifelt. So standen sich die beiden jüdischen Männer einander gegenüber. Und nun siehe, wie Nathanael gleich alle Kennzeichen eines aufrichtigen Zweiflers aufweist. Nathanael zweifelte nicht, um zu zweifeln. Er spricht sein wohlbegründetes Bedenken aus; aber man merkt sofort, er versteift sich nicht auf seinen Zweifel. Er ist offen für Belehrung. Er ist empfänglich für eine Wahrheit, die er zwar noch nicht einsehen kann; aber deren Gültigkeit ihm nur erwünscht wäre. Denn wie mag sein Herz gebebt haben, als er hörte, der sei gefunden, von dem Moses und die Propheten geschrieben haben! Wie mag er dem ersten Teil der Rede des Philippus mit innerem Jauchzen zugestimmt haben, um beim zweiten Teil betrübt zu merken, die Kunde ist doch zweifelhaft! Ich glaube durchaus nicht, daß spöttische Überlegenheit, die sich über das kleine Nazareth lustig machte, seine Zweifelsfrage formte, sondern daß im Gegenteil nur ehrliches und ernstlich ringendes Nachdenken in seiner Frage sich erhob. Denn zur spöttischen Überlegenheit gehört immer ein gut Stück verschlagener Selbstgefälligkeit, die aber schlecht zu einem Menschen paßt, von dem Jesus als von einem, in welchem kein Falsch ist, spricht. Ach, wieviele falsche Mäuler von heute mißbrauchen bei irgendeiner nichtigen Gelegenheit die Nathanaelsfrage und zerren damit den „rechten Israeliten“ auf den Standpunkt ihrer verlodderten und verlogenen Art herab! Nein, Nathanael zweifelte nicht, um zu zweifeln. Nicht, weil er überhaupt zweifelte, war er aufrichtig, nicht weil er seinen Zweifel sofort offen aussprach, war er lauter, nicht weil er berechtigten Grund für seinen Zweifel hatte, war er ohne Falsch, nein, nur, weil er nicht zweifelte, um zu zweifeln, bleibt er für alle Zeiten das Muster eines ehrlichen Zweiflers.

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